Andreas Petzold (PAN)

Blauer Standpunkt

 

Das Geheimnis unserer Welt auf die Spur zu kommen gelingt nur, wenn man sich sensibel auf deren Erscheinungen einläßt.

 

Das blaue Rundholz, das im künstlerischen Oeuvre von mir immer mehr Platz einnimmt, stellt oft die vertikale Achse im horizontalen Raum des Nordens in Frage. Präziser formuliert durchbricht das Blau als Raumzeichen die horizontale Ferne und wird zur klaren Linie im Raum. Die blauen Industrierundhölzer und Fundstücke aus der Nordsee, die immer wieder durch mich an verschiedenen Orten Position beziehen, setzen somit optische Akzente und artikulieren eine eigene, neue Se(e)h-Situation. Das führt beim Betrachter oft zu differenzierten Reaktionen. „Kunst muß irritieren, blenden und verwirren“ ist deshalb seit vielen Jahren mein Credo.

Dennoch gelingt es mir trotz provokativem Ansatz immer wieder mit subtiler Leichtigkeit die industriell gefertigten Rundhölzer und Fundstücke unter „Blau“ zu setzen und sie später gezielt zu verorten. Der Ort wird generalstabsmäßig exakt mit GPS lokalisiert und fixiert. Dabei suche ich wie ein abgerichteter Jagdhund förmlich nach Raum, dessen Urzustand es ermöglicht, Spannung zwischen Raum und Linie zuzulassen und damit erlebbar zu machen. Dabei wird die Beziehung von Linie (Stab), Farbe (Blau), Fläche (Watt) und Raum (Himmel) dem Betrachter deutlich und somit auch die Unendlichkeit des grenzenlosen Raumes bewußt.

Mir gelingt es somit in spielerischer Weise mittels blauer Stäbe die vorherrschende Horizontale immer wieder neu zu durchbrechen und durch wechselnde Standorte, Blickrichtungen und Sichtachsen auf „Blau“ immer neue, eigene Kunstempfindungen und Sehweisen zu ermöglichen!

 

 

 

Wiesbaden ist BLAUORT 0.14   Und ich bin nicht Yves Klein

 

BLAUORT im Alten Amtsgericht zur Kurzen Nacht der Galerien+Museen am 05.06.2014 

 

Van Gogh hat sie gebraucht, Jackson Pollock hat sie tropfen lassen, Yves Klein war blau, Gierke war weis, Goethe hat über sie nachgedacht, Itten hat sie wirkungsrelevant versucht zu beschreiben, der Malermeister nebenan greift nach dem Ralfächer, um sich sicher zu sein.

 

Aber macht das wirklich Sinn? Viele Mitmenschen sind sich ihrer Farbfähigkeit und Wirkung unsicher. Mehr als 30% der Deutschen betrachten Blau als ihre Lieblingsfarbe, danach folgt Rot und Grün. Ich liege also mit meinem Projekt „BLAUORT“ voll im Trend, oder?

 

Bei Rot und Grün fällt mir ein, dass ich zur Musterung zum Wehrdienst eine Rot-Grün-Schwäche diagnostiziert bekommen habe und damit nur eingeschränkt zum Dienst an der Waffe tauglich war. Und meine Waffe sollte doch ein Starfighter sein. Eigentlich hat mir dieser Makel oder jene Behinderung wahrscheinlich das Leben verlängert. Sind doch Ende der 60er Jahre immerhin einige viele von diesen Raketen vom Himmel gefallen und haben ihren Flugzeugführern nicht den Gefallen getan, sie am Leben zu lassen.

 

Da kann ich mir heute aus distanzierter Sicht als Künstler durchaus einmal Gedanken machen, wofür und warum Farbe gut ist. Reden wir deshalb doch einfach mal über Farbe oder genau genommen, über Blau!

 

 

Farbe muss man nur zu nutzen wissen, behaupten zumindest Farbberater. Neben Kochstudios, Nagel - Tatoostudios, dubiosen Film- und Boxstudios gibt es jetzt auch noch Farbstudios, die uns glauben machen wollen, dass diese oder jene Farbe für uns von besonderer Bedeutung sei. Die Grundlage bietet dabei wieder einmal die empirische Forschung. Dabei ist herausgekommen, dass Probanden bei der Entscheidung ein Date zu  arrangieren, eher die Farbe Rot als Blau ins Spiel bringen. Über 50% der Testpersonen haben auf das rote Signal des Gegenübers angesprochen.

 

Farben, ist die althergebrachte Erkenntnis, lösen Assoziationen aus. Als junger Kunsterzieher habe ich meinen Schülern zu vermitteln versucht, das blau kalt und rot warm sei. Wenn einer der Impressionisten des 19.Jhrdts diesen Satz so lesen würde, müsste er wahrscheinlich schmunzeln. Dabei stellt sich mir fast automatisch auch die Frage, nach welchem Farbberater eigentlich Künstler ihre Farben auswählen.

 

 

Und hier taucht der Wahrnehmungspsychologe Heiko Hecht von der Uni Mainz auf, dessen Erkenntnisse Empfindungsmessungen bei Farben zugrunde liegen. „Einig sei man sich“, so Hecht, „dass Rot als warm empfunden werde, Blau als kühl!“ Da lag ich vielleicht doch nicht so falsch bei meinen Schülern? Er geht dabei von klaren Erkenntnissen durch Messung aus.

 

 

„In einem blau gestrichenen Raum fröstelt man schon bei 15° Raumtemperatur, ein orange gestrichener Raum wird auch dann noch nicht als kalt empfunden, wenn das Thermometer bereits auf Kühlschranktemperatur gefallen ist!“ Das liegt einerseits daran, dass seit der Evolutionsgeschichte Rot als Farbe des Feuers und des Blutes und das des Meeres blau wahrgenommen wird. Da taucht sie wieder auf die Frage: “Wie kommt das Blau ins Meer?“

 

 

Einig scheint man sich allerdings in der These zu sein, dass es keinen interkulturellen Konsens in dieser Frage gibt. Wer sich einmal auf einem Friedhof umsieht, wird dort eher Schwarz als Farbe der Trauer wahrnehmen. Um Farbwirkungen wirklich zu verstehen, muss eigentlich erst geklärt werden, wie wir Farben überhaupt sehen. Denn Farben sind keine messbaren Eigenschaften, die der Augenarzt diagnostiziert sondern Interpretationen des Gehirns, in Bezug auf langwelliges oder kurzwelliges Licht, das auf die Netzhaut fällt. Ob das auch schon van Gogh gewusst hat, als er einen Teil des reifen Korn in Südfrankreich blau gemalt hat? Oder hatte er auch eine Sehschwäche, wie ich?

 

Das Gehirn ist eigentlich unser richtiges Auge, das ständig Vergleichsparameter abtastet und damit eine Farbkonstante sucht und speichert. Farben spielen in der menschlichen Wahrnehmung eine zentrale Rolle und sind dabei allerdings mit eigenen individuellen Assoziationen verbunden. Und das kann dann durchaus bedeuten, dass bei wiederholtem Anspielen von „An der schönen blauen Donau“ (Johann Strauss II) Assoziationen zu Blau entstehen oder meine Arbeiten mit denen von Yves Klein verwechselt werden.

 

 

Deshalb noch einmal der Hinweis auf folgendes Video!

Denn ich bin nicht Yves Klein!

 

https://vimeo.com/89715007

 

 

 

Andreas Petzold

 

BLAUORT 0.14